s. dazu:
Die Internet-Krieger Südkoreas auf tagesschau.de
Einseitige Berichte über das Phänomen E-Sports sind uns aus den Medien ja bekannt. Dass ich solche Berichte aber auch auf
vermeintlich weltoffenen Plattformen lese, bestürzt mich. Schon die Einleitung nervt mit den üblichen journalistischen Paraphernalia: "Sie nennen sich "Maestro" oder "Emperor" oder "Savior"". Klasse, als sei es etwas besonderes, wenn Menschen im Internet eine andere Identität wählen. Weiter geht's mit einer dämlichen metaphorischen Floskel; in Korea hätte offenbar eine "Schlacht um die galaktische Vorherrschaft begonnen". Naja - sicher kommt der Autor (Mario Schmidt) nicht drumherum, zu erklären, worum es denn bei dem Spiel (Starcraft) ginge. Tatsächlich arbeitet er aber wieder mit all den lächerlich machenden Mitteln, die ihm so gegeben sind. Dass das Spiel nur Mittel zum Zweck ist, wird nicht erwähnt, auch nicht, dass es für Computerspiele-Verhältnisse schon ein Dinosaurier ist und nur durch seine perfekte Spielbalance gewählt wird. Erst ein paar Zeilen später, müht sich der Autor um ein paar erklärende Worte: Starcraft sei ein "komplexes Strategiespiel, bei dem sich im Weltraum Armeen bekämpfen". Das ist immerhin ein Anfang.
Weiterhin hebt Schmidt die Arbeitsbedingungen der jungen koreanischen E-Sportler hervor. Doch wenn er deren Popularität mit der von Fußballstars vergleicht, warum vergleicht er dann auch nicht die Trainingszeiten? Wenn Kritiker die Spielhallen als "Opiumhöhlen des 20. Jahrhunderts" bezeichnen, dann liegen sie natürlich nicht falsch. Die Sucht nach Computerspielen ist weit verbreitet und gefährdet Schulbildung und Arbeitsplatz derer, die ihr verfallen sind. Schmidt zitiert den Spieler mit dem Nickname "Maestro" - er deutscht diesen immer mit "Meister" ein, dabei liegt der Wortwitz doch in der Erweiterung des Namens "Mae" des Spielers - wonach dieser sage, er sei süchtig gewesen. Schmidt stellt aber nicht klar, dass er es nicht mehr ist und bei seinem Erfolg kann dies nicht mehr der Fall sein. Erfolgreich wird man nur dann, wenn man das Spiel vollkommen abstrakt sehen kann und all die Entwicklungen darin für sich selbst als nicht relevant einstuft, im Gegenteil, sie müssen den Spieler ganz und gar kalt lassen - alles Dinge, die bei einem Suchtopfer nicht gegeben sind.
Zuletzt dann noch einmal ein Griff in die untere Schublade. Schmidt zitiert "Maestro", er "wolle [...] weiter um die Vorherrschaft im Universum kämpfen.". Ich bin mir absolut sicher, wie oben bereits erwähnt, dass diese "Vorherrschaft im Universum" dem verspottenden Vokabular des Autors und nicht dem Mund des Spielers entspringt. Solche offenbaren Falschaussagen finde ich doch ein wenig frech.
Der Titel des Artikels, übrigens, ist ein altbekannter. Schon die FAZ titelte am 30. März diesen Jahres mit:
Die Krieger des Internets. Auch dort wird von einer "Schlacht um die galaktische Vorherrschaft" gesprochen. Alberne Worthülsen einer verständnislosen Generation von Menschen, die sich mit der Gegenwart nicht geregelt auseinandersetzen. Tatsächlich wird immer versucht, auf die Computerspiele-Sucht hinzuweisen und die tödlichen Konsequenzen, die sich in Einzelfällen daraus ergeben haben.
Nicht, dass ich diese beschönigen wollte. Aber warum lese ich in Artikeln über den Motorsport nichts über die Unfalltoten auf den Autobahnen und Landstraßen? Die Journalisten müssen lernen, dass E-Sports eben doch ein seriöses Gewerbe sind, kommerzialisiert: ja - und das ist durchaus zu kritisieren, wie in jedem anderen Sport, aber eben nicht weltfremd und übertrieben. Aus Spiel wird Sport. Ob Poker oder Fußball oder Billard oder eben Computerspiele. Aber was sage ich. Vielleicht werde ich in Zukunft auch etwas finden, über dessen Unnatürlichkeit ich mich auslassen werde.