Sunday, June 10. 2007Marillion, Pyramids Centre, Portsmouth, 09.06.2007
Es ist ein schöner Zufall, wenn sich Menschen auf Internetplattformen finden, die in irgendeiner Weise etwas verbindet. Das Musikportal last.fm erweist sich in dieser Hinsicht immer mehr als gewinnbringend.
Nachdem Dawn aufgefallen war, dass Marillion in Portsmouth spielen, während ich im Land bin, brauchten wir nur noch eine Möglichkeit, in die gut 100km entfernte Küstenstadt zu gelangen. Warum nicht den Hardcore-Marillion-Fan fragen, der Dawn einst in die Shoutbox schrieb und das Konzert auch offensichtlich bei last.fm eingetragen hatte? - Dieser Gedanke kam mir plötzlich und besagter Hardcore-Marillo - David - bejahte prompt und überaus freundlich. Juhu! Einen Hardcore-Marillo erkennt man offensichtlich schon am Auto. Oben rechts auf der Frontscheibe ein großer "marillion.com"-Sticker, an der Seite einer mit Marbles-Logo unter dem das Logo des offiziellen Marillion-Fanclubs "The Web" prangt - ja, hierbei muss es sich um jemanden handeln, der offensichtlich weit mehr als nur musikalische Liebe für seine Lieblingsband empfindet. Davids Frau Julie, die am Steuer saß, schien in dieser Angelegenheit nicht minder verrückt und stolz erzählten beide, dass sie erst gestern auf einem Marillion-Konzert in Bristol waren und die Marillen auch nächstes Wochenende in London sehen würden. Die spinnen, die Briten. Aber es ist eine warmherzige, freundliche Spinnerei, schließlich nahmen sie uns so bereitwillig mit und weigerten sich später standhaft, Spritgeld für die Fahrt anzunehmen. Thank you again, David and Julie! Das Pyramids Centre in Portsmouth ist direkt am Meer gelegen. Stadt und Strand trennt eine breite Grünfläche, die durch das warme Wetter von Besuchern bedeckt war. Die vielen Grillgesellschaften weckten den Futterinstinkt und so trennten wir uns von den beiden, um nach einem Restaurant zu suchen. Glücklicherweise fanden wir auch eines - während David und Julie in der entgegengesetzten Richtung enttäuscht wurden. In dem kleinen Strandrestaurant mit Blick aufs Meer gab es dann schnelle Kost, wobei sich Dawns Pasta mit Knoblauch-Pesto später als gelinde gesagt unpraktisch erwies. Bei der Rückkehr zum Konzertgebäude - in 10 Minuten sollte eingelassen werden - wurde ich gleich wieder einer der für mich witzigsten inhärent britischen Angewohnheiten gewahr: Die Bildung einer Warteschlange. Als wir die Stufen hinaufgestiegen waren, sah ich mehrere Leute nebeneinander die Brüstung hinunterblicken. Für mich waren das einfach nur eine lose Menschenmenge in mehr oder minder geordneter Formation. Ich hätte mich sogar fast dazugestellt! - wenn Dawn mir nicht am T-Shirt gezupft und gesagt hätte, dass es sich hierbei ja wohl eindeutigerweise um eine Warteschlange handelte. Achselzuckend stiegen wir die Treppen wieder hinab und dann ans Ende der Schlange, die auch schon bald wuchs und wuchs, wie selbstverständlich. Dawn hatte ihr Marillion-Shirt an, somit war sie Teil dieses riesigen Clubs, der sich hier versammelt hatte. Mir kam der Gedanke, dass Marillion irgendwann wohl eine eigene Modekollektion entworfen hatten oder, dass sie den Merchandise-Gedanken einfach übertrieben hatten. Beinahe jeder der geschätzt 500 Menschen in der Schlange hatte ein anderes T-Shirt an, jedes aus verschiedenen Bandphasen, mit verschiedenen Motiven oder Albencovern. Das breite Aufgebot an Mittvierzigern aus stabilem sozialen Umfeld - viele waren mit Kindern angereist - zeigte mir deutlich, was zu erwarten war: ein Meeting der Marillion-Verrückten. Das machte dann auch einen Teil des Erlebnisses aus. Die Fans wussten, wann sie und welchem Takt sie klatschen mussten, sie sangen wie selbstverständlich alle Texte mit, sie jubelten und feierten so ausgelassen, dass es schwer war, dem Charme zu widerstehen, den diese - vielleicht ansonsten ziemlich langweiligen - Mittelklasse-Typen versprühten. Zuvor hatte jedoch die "Vorband", eine junge Singer/Songwriterin mit Namen Jo McCafferty, die schwere Aufgabe, den Auftritt der sehnsüchtig erwarteten hinauszuzögern, was sie mit Bravour und jeder Menge stimmlichen Können meisterte. Ihr Material trug sie ausschließlich mit Gitarre und Gesang vor, was trotzdem ziemlich abwechslungsreich war, da sie ein Stück komplett in rumänisch sang und manche Stücke in krummen Takten spielte. Ein gelungener Auftakt. Marillion spielten dann erst nach langer Wartezeit (knapp 45 Minuten), machten die angesammelte Ärgernis aber schnell wett. Auch wenn ich weite Teile der Setlist nicht kannte, die Spielfreude, das frenetische Publikum, die unglaubliche Atmosphäre, ließen Dawn und mich schnell einfinden in das unbekannte Songmaterial. Überhaupt, Marillion machen Pärchenmusik. Allein wäre das Konzert nur halb so schön gewesen und ich merke doch, warum ich als Single instinktiv nicht auf Marillion-Konzerte gegangen bin. So erwies sich die Mixtur aus wohligen Popmelodien und geschickt platziertem Bombast in Zusammenhang mit dem Kuschelfaktor als ultimativ. Die Show war darüber hinaus durch aufwendige Lichteffekte und Gimmicks, wie umherfliegende Riesenluftballons bei "Between You And Me" und ein Konfetti-Regen am Ende der letzten Zugabe aufgepeppt. Kurzum, es war bewegend. Und trotz der Tatsache, dass Kellys Computeranlage (Windoof war abgeschmiert) bei den Zugaben den Geist aufgab und wir wahrscheinlich deshalb kein Neverland hören konnten, war der Abend absolut erfüllend. Monday, April 30. 2007Freakshow-Festival: Ich hab da 'was geschrieben
In meinem last.fm-Journal habe ich einen kleinen Bericht zur Freakshow '07 verfasst. Nur zur Vollständigkeit - herumposaunt habe ich das ja schon mancherorts.
Monday, June 5. 2006Pommes, Pannen, Progkonzert
Das Spirit of 66 in Verviers ist unter Progfans ja schon bekannt wie ein bunter Hund. Logischerweise musste es mich auch einmal dorthin verschlagen. Der Anlass hätte diesmal auch kaum ein günstigerer sein können, versprach der Auftritt von Trigon im Vorprogramm der Italo-Retroprogger La Maschera di Cera [dt.: Die Maske aus Wachs] doch zu einem kleinen Listentreffen zu mutieren. Da ich selbst bekanntermaßen ein Freund des trigonschen HeavyZenJazz und des Italoprogs der 70er bin, stand dem Aufbruch gen Belgien nichts im Wege. Das dachten sich wohl auch Jörn und Tomasz, so dass wir im silbernen Corsa des ersteren am gestrigen Tage westwärts über die A4 düsten.
Nachdem wir den Großwesir in Köln eingeladen hatten, ging es weiter in Richtung Aachen. Dort wartete Frauenversteher Michael [aka MrTree] mit seiner Freundin Miriam bereits auf den harten Kern der [progrock-dt]-NRW-Fraktion. Als wir von der Autobahn herunterfuhren, bemerkte Jörn, dass der kleine Opel ungewöhnlich viel Benzin verbraucht hatte und tankte. Negatives Erstaunen löste daraufhin die Tatsache aus, dass der Wagen nach Beendigung des Tankvorgangs nicht mehr anspringen wollte. Hmm. Wir versuchten es mit Anschieben, was keinen Erfolg hatte. Schließlich sprang der Wagen zwar wieder an, ging an der nächsten Ampel aber sofort wieder aus. Mist. Auch an der nächsten Ampel benötigten wir fünf Minuten, bis das Auto es erlaubte weiterzufahren. Der plötzliche Defekt bot dann auch Spielraum für allerhand unwissendes Philosophieren. Das ist die Benzineinspritzpumpe, Der Motor ersäuft - er bekommt zuviel Benzin. Vier künftige KFZ-Mechatroniker kamen dann aber wohlbehalten und nur mit wenig Verspätung in Kornelimünster, in der Schleckheimer Straße an. Auf Michaels und Miriams Balkon hatten sich mittlerweile schon Fix und Lutz eingefunden und bald begann auch wieder das Philosophieren, diesmal aber über Musik und nicht allzu unwissend. Zu acht Musikkritikern gesellten sich dann zu guter Letzt noch Schuli und Caro, so konnte die Fahrt ins benachbarte Belgien beginnen. Wir vier nahmen in Michaels Auto Platz, der Corsa durfte sich auf dem Parkplatz erst einmal beruhigen. Ich weiß nicht, wieviele Sauereien Sal und mir zu der Ortschaft Schleckheim eingefallen sind, zahlreich waren sie aber, und nennen möchte ich keine einzige, um mir meine kärglich verbliebene Würde zu wahren. Belgien erkenne ich zunächst nur an den komischen Ortsnamen auf den Autobahnschildern und am allgemeinen Tempolimit. Ich bin hier noch nie gewesen, stelle ich fest, und mich bekommt wieder das unangenehme Gefühl, nicht heimisch zu sein, dabei deuten die Zustände der Straße doch deutlich auf die Ähnlichkeit zum größeren Nachbarland hin. Als erste Gebäude meine Sicht passieren merke ich doch, dass wir uns nicht mehr in Deutschland befinden; Backsteinfassaden, farblose Flickenteppiche auf den Dächern - das hat nichts von preußischer Ordnung und irgendwie gefällt mir das auch. Verviers liegt in einem Talkessel und fasziniert mich aufgrund seiner vielen Kirchen, sicher wallonische Architektur, und der beschriebenen Fassaden. Die Innenstadt wird von gestreiften Markisen dominiert, von schmalen, hohen Reihenhäusern, abgerundeten breiten Bordsteinen, gepflasterten Straßen und gemütlichen Cafés. Ich spüre diesen französischen Esprit um mich herum und bedauere - zum ersten Mal in meinem Leben? - dass ich mich weder mit Sprache noch Kultur des lebendigen Nachbarlandes je intensiver auseinandergesetzt habe. Vor dem Spirit of 66 warten die Trigonauten mit Anhang bereits, ein wenig nervös wirken sie, so kurz vor dem Auftritt. Ich verschaffe mir einen kurzen Eindruck vom Äußeren der Örtlichkeit, die sich als stilechte Rockkneipe entpuppt. Fix hat Hunger, er möchte echte belgische Pommes essen - darauf hat er sich anscheinend schon den ganzen Tag gefreut - und da ich neugierig und ebenfalls hungrig bin, folge ich, Lutz auch. Die kleine Imbissstube wird von einer Dame, in etwa um die 50, geführt, die ihre Kunden ohne Hektik bedient, das käme in Deutschland nicht in Frage. Meine Augen weiten sich, als ich die Portionen sehe, die riesigen glänzenden, rötlich gewürzten, frittierten Kartoffelstäbchen. Das sind Pommes, denke ich mir, nicht unsere kümmerlichen Streichhölzer daheim. Es ist mir richtig unangenehm, dass mir nicht ein französisches Wort einfallen möchte, um zu bestellen. Glücklicherweise übernimmt das Fix in seiner für mich gewohnten väterlich authoritären Rolle. Trois frites avec mayonnaise et ketchup et deux bière - wie immer beeindruckt mich diese rigorose Souveränität. Die Dame in ihrem Häuschen schmunzelt ein wenig ob der rauhen, harten Aussprache, weiß die Anweisungen aber punktgenau umzusetzen. So halte ich dann wenige Minuten später eine große Tüte mit Pommes in der Hand. Ja, das sind wirklich Pommes, kräftig, würzig, die daheim werde ich nicht mehr Pommes nennen, höchstens Fritten, Fritten klingt passender, kleiner, minderwertiger. Dann geht es auch endlich hinein ins Spirit of 66. Ich nehme auch direkt am Merchandising-Stand platz, ich kenne das ja bereits. Die Kasse fehlt, kein Wechselgeld, jetzt möchte aber auch noch niemand kaufen. Der Mann von der augenscheinlichen Konkurrenz nebenan hat schon zwei CDs verkauft, für 20 Euro das Stück, nette Preise, denke ich. Die Trigon-CDs kosten nur 12 und Sal schreibt später ein Schild, damit das deutlicher wird. Als Trigon die Bühne betreten haben sich in etwa 30, 40 zahlende Besucher eingefunden. Gleich fällt mir auf, wie druckvoll, präzise und trotzdem nicht zu laut der Klang im Spirit ist. Der Inhaber persönlich steht am Mischpult, der kennt seine Anlage natürlich und seine Räumlichkeiten. Dieser Auftritt von Trigon gefällt mir ohnehin sehr gut, von den drei von mir besuchten wird dies mein liebstes Trigon-Konzert werden. Schön auch, dass Udo wieder einmal dabei ist, you always meet twice, gell? Ich hoffe nur, dass der Mitschnitt gut geworden ist, denn das hier gehört dringend veröffentlicht. La Maschera di Cera irritieren mich dann ein wenig. Offenbar haben sie sich vorgenommen, das angeheizte Publikum noch rockiger zu bedienen, als bei Trigon geschehen, dabei sind ihre Kompositionen doch deutlich ruhiger, fragiler angelegt, wie ich feststelle. So bekomme ich schnell den Eindruck, dass der Schlagzeuger die Stücke zerhaut, der Flötist uninspiriert mit seinem Instrument kreischt. Die Rhythmusfraktion ist von Genesis adaptiert, bemerke ich, überhaupt klingt das sehr nach Neoprog, auch wenn sich der Keyboarder reichlich Mühe gibt, Retro zu klingen. Der Sänger singt aus voller Kehle, das gefällt, weniger seine Kostüme, die irgendwie so aussehen, als seien sie vom Grabbeltisch. Dieser Auftritt hinterlässt mich zwiespältig, schlecht war er dann aber doch nicht. Zurück geht es über die beleuchtete Autobahn. Ein gerufener Mann vom ADAC bekundigt diverse Mängel an Jörns vierrädrigem Gefährt, eine Inspektion sei folglich angebracht, uns bleibt nur der beschwerliche Rückweg. Die Ampelbaggage in Köln meistern wir souverän, doch nach der Gummersbacher Ausfahrt streikt der kleine Corsa wieder. Als wir schließlich nur zwei Autominuten von meinem Zuhause entfernt zehn Minuten an einer Kreuzung verweilen, schlage ich Jörn und Tomasz vor, beide nach hause zu fahren, sobald wir bei mir sind. So geschieht es dann und um drei Uhr nachts liege ich im Bett, ein wenig erschöpft, der Tag war doch recht lang. Und so endet nun diese lange Geschichte von Pommes, Pannen und einem Progkonzert. Sunday, May 28. 2006Zappa plays Zappa
Am 21.05 war es, also schon 4 Tage zurück, da fuhr ich mit meinem Stiefvater ins nahegelegene Düsseldorf zur dortigen Philipshalle. Einzulösen galt es ein Ticket, das zwar schon für November letzten Jahres bestimmt war, aber, hach, auf diesen Anlass hatten wir dann doch gern gewartet. 1988 hatte Frank Zappa sein letztes Konzert in Deutschland gegeben [später kam er noch einmal kurz als Dirigent für das Ensemble Modern], wenige Zeit später wurde ihm der Krebs diagnostiziert, Ende '93 starb er. Nun oblag es also seinem Sohn Dweezil, einen Abend mit der Musik seines Vaters zu füllen - eine gleichermaßen würdigende wie anspruchsvolle Aufgabe.
Zunächst, die Parkbedingungen zeigten sich besser, als von der Direktion der Philipshalle in Aussicht gestellt. Diese warnte nämlich vor vollen Parkplätzen rund um die Halle und riet dazu, sie mit öffentlichen Verkehrsmitteln zu erreichen. Wir ließen es auf einen Versuch ankommen und ergatterten tatsächlich einen der besten Parkplätze auf einem sonst gähnend leeren Feld, gleich neben dem Ort der Begierde. Ich befürchtete schon, dass der Andrang wohl nicht so groß sein würde und der arme Abkömmling Zappas vor mager gefülltem Saal spielen müsste. Nichts desto trotz bevölkerten im Verlauf des Vorabends aber immer mehr Menschen die Halle. Ich wünschte, ich hätte ein paar Moneten mehr mitgenommen, so bleibt mir das "Titties 'n Beer"-Shirt verwehrt. Schade. Natürlich habe ich meine Kamera vergessen, daher an dieser Stelle keine Bilder. Unsere Sitzplätze (ja, alles war bestuhlt) befanden sich seitlich neben der Bühne, fast ganz vorne. Das war insofern ärgerlich, als dass die Bühne teils von Boxen verdeckt war. Im späteren Verlauf bedeutete das den optischen Verlust zweier Musiker, anfänglich war es das fehlende Fünftel der Leinwand. Leinwand? Jup. Statt Vorband kam Tonband plus Film - und zeigte den Meister selbst bei einem Auftritt in etwa aus der Zeit, in der auch "Roxy & Elsewhere" eingespielt wurde, also Mitte der 70er. Das ist ja schon ein wenig gewagt, dachte ich mir, denn damit wurde die Erwartungshaltung natürlich enorm hochgekurbelt. Und so wirkten die Musiker dann auch ein wenig angespannt, als sie die Bühne betraten. Viele waren es und bis auf Dweezil Zappa und Sänger/Saxophonist Napoleon Murphy Brock waren sie alle jung und frisch. Das heißt, halt!, der offizielle Vaultmeister - und damit Nachlassverwalter des Zappa-Archivs - Joe Travers war natürlich auch mit von der Partie, hinter seinem Schlagzeug. Los ging es u.a. mit den eher einfacheren Frühwerken 'Hungry Freaks Daddy' und 'Let's Make The Water Turn Black'. Während der Großteil der Gruppe noch Zeit zum warm werden brauchte, war einer schon ganz auf der Höhe: Napoleon Murphy Brock. Wahnsinn, was dieser Mann dort auf der Bühne veranstaltet hat. Singt aus voller Kehle, klingt dabei noch besser als auf den alten 70er-Aufnahmen, tanzt, scherzt, spielt Saxophon - dabei müsste er die 60 mittlerweile bestimmt überschritten haben. An diesem erfahrenen Urgestein konnte sich der Rest der Truppe hochziehen. Ich dachte, dass man den guten Herrn Brock wohl für die ersten Stücke "verheizen" wollte - weit gefehlt - er war fast über die volle Länge präsent, sang die meisten Stücke und machte gegen Ende sogar noch Kraftübungen auf der Bühne - Weltklasse. Zur Mitte des ersten Sets hatte die Band zu sich gefunden, das wirkte jetzt alles sehr kohärent und stimming. Dann wurden auch einige meiner Lieblings-Zappa-Stücke ausgepackt: Größte Teile der Nanook-Suite, Inca Roads und Imaginary Diseases (letzteres hatten sie bislang noch nicht gespielt). Gerade Inca Roads brachte mich mit einem ausgedehnten Solo Dweezils ins Schwärmen. Er klingt nicht wie sein Vater, gottseidank versucht er es auch gar nicht, und fügt sich doch nahtlos in die Stücke ein, spielt unglaublich gekonnt und dynamisch, wirkt auch bei allen Ansagen sehr sympathisch und bescheiden. Kurz nach Imaginary Diseases - die Menge ist schon längst in euphorischer Stimmung - kündigt Dweezil eine kurze Pause und die Rückkehr mit Terry Bozzio an. Juhu, irgendwie wusste ich doch, dass mir das Schlagzeug, dass da in der dunklen Ecke stand, vom Aufbau her bekannt vorkam. Mein Stiefvater verlässt den Platz, ich befürchte schon, dass er nachher nicht wieder zurückfindet, doch er kommt genau rechtzeitig wieder, als es dunkel wird, mit zwei Apfelschorlen. Terry Bozzio - that cute little drummer - wird auch sogleich in den Mittelpunkt gerückt. Die nächsten Stücke singt er selbst (darunter natürlich auch 'Punky's Whips'), in seiner gewohnt krächzigen Art. Ein einziges Mal grummle ich über den Mischer, denn sein Krächzen ist deutlich zu laut. Sei's drum, Mr. Bozzio ist eine Granate, obwohl er mittlerweile auch schon Mitte 50 ist. Gewürzt wird sein Auftritt mit einigen Anekdoten. Dweezil spricht schließlich die in Musikerkreisen gefürchtete Black Page an und Bozzio (Gee, Frank, I'm depressed!) spielt's tatsächlich, Wahnsinn. Dieser Wahnsinn nimmt darauffolgend seinen Lauf: Dweezil kündigt über Bozzios Schlagzeuggewitter an, dass sein Vater doch auch ein paar Gitarrennoten dazu geschrieben hatte, und wer hat die als erster gespielt? Na? Steve Vai! Mit tosendem Applaus wird der Gitarrenheld empfangen - welch' eine Überraschung! Nach den Black Pages fühle ich mich wie im siebten Himmel; zwar verlässt Bozzio die Bühne vorerst, dafür spielt die Gruppe jetzt 'Peaches En Regalia'. Vais Gitarre singt, mir kommen langsam die Tränen, wunderschön ist das. Der Applaus nach den Titeln ist jetzt generell mit Standing Ovations verbunden, nach 'Montana', das mit einem furiosen Gitarrenduett Dweezil - Vai abschließt, steht die ganze Halle auf - dies wäre ein perfekter Zeitpunkt gewesen aufzuhören, schließlich waren zu diesem Zeitpunkt ja schon mehr als 2 Stunden gespielt. Aber nein, es geht weiter, wow. Nach weiteren zwei Stücken und 'Zomby Woof' brodelt der Saal. Die Leute wollen jetzt nicht mehr auf den Sitzen gefangen bleiben, sie stehen auf, viele gehen nach vorne. Das Sicherheitspersonal, das anfänglich einige ekstatische Tänzer wieder auf ihre Plätze verwiesen hatte, wirkt erst ein wenig ratlos, beschließt dann aber, nicht einzugreifen. Auch Ralf ist nach vorne gegangen, er mag sich das lieber von vorn anschauen, ich bleibe auf dem Platz, stehe nun aber auch, an das Gitter hinter mir gelehnt und genieße das abschließende 'Sofa #2'. Mit einem Augenzwinkern hatte Dweezil das letzte Stück angekündigt, auf das Raunen aus dem Publikum reagierte er mit "Jaja, ihr wisst schon, das letzte Stück, bevor ihr nicht aufhört zu klatschen und wir wieder auf die Bühne kommen" - er ist eben doch ein Schelm. So macht er sich dann auch gar nicht erst die Mühe, erst im Backstagebereich zu verschwinden, irgendwie wirkt auch die ganze Band aufgestachelt. Gestandene Musiker wie Murphy Brock und Steve Vai liegen sich in den Armen, die Stimmung im Publikum ist schon längst über alle euphorischen Maßen geklettert. Also geht es weiter, mit 'Camarillo Brillo' - ich liebe dieses Stück, auch um mich herum hält es noch wenige sitzend auf ihren Plätzen. Nach drei weiteren ausgedehnten Zugaben schüttele ich nur noch mit dem Kopf. Das ist Wahnsinn, wieviel Uhr haben wir? Spielen die jetzt schon seit 3 Stunden? Dweezil kündigt ein allerletztes Stück an. Es wird 'Cosmik Debris' sein. Alle Musiker sind auf der Bühne, jeder bekommt ein Solo zugeschrieben, als die letzten Pleks ins Publikum fliegen bin ich unglaublich benommen, gleichzeitig aber leicht wie eine Feder und fidel. 3 1/2 Stunden hat diese Elitetruppe gespielt; keine davon zu viel oder zu wenig. Während des Konzerts fiel mir immer ein Adjektiv ein, dass es wohl am besten beschreiben würde. Dieses Konzert war würdig. An irgendeinem Zeitpunkt im Verlauf geriet es zum Selbstläufer, weil jeder Zuschauer und -hörer akzeptiert und sogar vergessen hatte, dass da Dweezil Zappa und nicht Frank Zappa auf der Bühne steht. Ich habe diesen tiefgreifend emotionalen Aspekt nie so sehr mit Zappas Musik verbunden, auf diesem Konzert kamen mir des Öfteren die Tränen; und ja, auch zahlreiche O(h)rgasmen. Dweezil versprach zu guter Letzt, zurückzukehren in sein proklamiertes Dweezildorf. Wollen mal schauen, dagegen hätte ich absolut nichts. Sunday, November 20. 2005Interesse an Riverside?
"New Artrock aus Polen."
"Riverside..." "Mit Porcupine Tree zu vergleichen!" "Eine etwas straightere Schiene." "Für Opeth-Fans sicher auch was." "Das neue Album ist jetzt draußen." "Ansonsten aber auch eine schöne Postkarte zum verschicken." So schallte es gestern durch den Vorhof der Live Music Hall in Köln, kurz vor dem Auftritt der Engländer Porcupine Tree. Die drei munteren I/O-Werbeträger Sal, Petra und Marcus (das bin ich) hatten ihr Material, ca. 750 Postkarten zum neuen Riverside-Album, in den schleichend gefrierenden Händen und vergaben dieses an die bereitwilligen Konzertgänger. Im Vorfeld war mir doch ein wenig mulmig gewesen, schließlich weiß ich, wie unfreundlich man oft reagiert, wenn einen lästige Menschen mit Werbung penetrieren wollen. Ganz anders aber der Fall gestern. Fast alle Passanten zeigten sich freundlich, viele waren interessiert, einigen konnte man Details (s.o.) erzählen und der Großteil nahm die Postkärtchen mit. Diese Form von Marketing scheint sich also gelohnt zu haben. Mal schauen, ob das demnächst wiederholt wird. Und wer sich für Porcupine Tree und Opeth interessiert, der kann doch wirklich mal bei Riverside reinhören.
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