Das
Spirit of 66 in Verviers ist unter Progfans ja schon bekannt wie ein bunter Hund. Logischerweise musste es mich auch einmal dorthin verschlagen. Der Anlass hätte diesmal auch kaum ein günstigerer sein können, versprach der Auftritt von
Trigon im Vorprogramm der Italo-Retroprogger La Maschera di Cera [dt.: Die Maske aus Wachs] doch zu einem kleinen Listentreffen zu mutieren. Da ich selbst
bekanntermaßen ein Freund des trigonschen HeavyZenJazz und des Italoprogs der 70er bin, stand dem Aufbruch gen Belgien nichts im Wege. Das dachten sich wohl auch Jörn und Tomasz, so dass wir im silbernen Corsa des ersteren am gestrigen Tage westwärts über die A4 düsten.
Nachdem wir den
Großwesir in Köln eingeladen hatten, ging es weiter in Richtung Aachen. Dort wartete Frauenversteher Michael [aka MrTree] mit seiner Freundin Miriam bereits auf den harten Kern der [progrock-dt]-NRW-Fraktion. Als wir von der Autobahn herunterfuhren, bemerkte Jörn, dass der kleine Opel ungewöhnlich viel Benzin verbraucht hatte und tankte. Negatives Erstaunen löste daraufhin die Tatsache aus, dass der Wagen nach Beendigung des Tankvorgangs nicht mehr anspringen wollte. Hmm. Wir versuchten es mit Anschieben, was keinen Erfolg hatte. Schließlich sprang der Wagen zwar wieder an, ging an der nächsten Ampel aber sofort wieder aus. Mist. Auch an der nächsten Ampel benötigten wir fünf Minuten, bis das Auto es erlaubte weiterzufahren. Der plötzliche Defekt bot dann auch Spielraum für allerhand unwissendes Philosophieren.
Das ist die Benzineinspritzpumpe,
Der Motor ersäuft - er bekommt zuviel Benzin.
Vier künftige KFZ-Mechatroniker kamen dann aber wohlbehalten und nur mit wenig Verspätung in Kornelimünster, in der Schleckheimer Straße an. Auf Michaels und Miriams Balkon hatten sich mittlerweile schon Fix und
Lutz eingefunden und bald begann auch wieder das Philosophieren, diesmal aber über Musik und nicht allzu unwissend. Zu acht Musikkritikern gesellten sich dann zu guter Letzt noch Schuli und Caro, so konnte die Fahrt ins benachbarte Belgien beginnen. Wir vier nahmen in Michaels Auto Platz, der Corsa durfte sich auf dem Parkplatz erst einmal beruhigen. Ich weiß nicht, wieviele Sauereien Sal und mir zu der Ortschaft
Schleckheim eingefallen sind, zahlreich waren sie aber, und nennen möchte ich keine einzige, um mir meine kärglich verbliebene Würde zu wahren.
Belgien erkenne ich zunächst nur an den komischen Ortsnamen auf den Autobahnschildern und am allgemeinen Tempolimit. Ich bin hier noch nie gewesen, stelle ich fest, und mich bekommt wieder das unangenehme Gefühl, nicht heimisch zu sein, dabei deuten die Zustände der Straße doch deutlich auf die Ähnlichkeit zum größeren Nachbarland hin. Als erste Gebäude meine Sicht passieren merke ich doch, dass wir uns nicht mehr in Deutschland befinden; Backsteinfassaden, farblose Flickenteppiche auf den Dächern - das hat nichts von preußischer Ordnung und irgendwie gefällt mir das auch. Verviers liegt in einem Talkessel und fasziniert mich aufgrund seiner vielen Kirchen, sicher wallonische Architektur, und der beschriebenen Fassaden. Die Innenstadt wird von gestreiften Markisen dominiert, von schmalen, hohen Reihenhäusern, abgerundeten breiten Bordsteinen, gepflasterten Straßen und gemütlichen Cafés. Ich spüre diesen französischen Esprit um mich herum und bedauere - zum ersten Mal in meinem Leben? - dass ich mich weder mit Sprache noch Kultur des lebendigen Nachbarlandes je intensiver auseinandergesetzt habe.
Vor dem Spirit of 66 warten die Trigonauten mit Anhang bereits, ein wenig nervös wirken sie, so kurz vor dem Auftritt. Ich verschaffe mir einen kurzen Eindruck vom Äußeren der Örtlichkeit, die sich als stilechte Rockkneipe entpuppt. Fix hat Hunger, er möchte echte belgische Pommes essen - darauf hat er sich anscheinend schon den ganzen Tag gefreut - und da ich neugierig und ebenfalls hungrig bin, folge ich, Lutz auch. Die kleine Imbissstube wird von einer Dame, in etwa um die 50, geführt, die ihre Kunden ohne Hektik bedient, das käme in Deutschland nicht in Frage. Meine Augen weiten sich, als ich die Portionen sehe, die riesigen glänzenden, rötlich gewürzten, frittierten Kartoffelstäbchen. Das sind
Pommes, denke ich mir, nicht unsere kümmerlichen Streichhölzer daheim. Es ist mir richtig unangenehm, dass mir nicht ein französisches Wort einfallen möchte, um zu bestellen. Glücklicherweise übernimmt das Fix in seiner für mich gewohnten väterlich authoritären Rolle.
Trois frites avec mayonnaise et ketchup et deux bière - wie immer beeindruckt mich diese rigorose Souveränität. Die Dame in ihrem Häuschen schmunzelt ein wenig ob der rauhen, harten Aussprache, weiß die Anweisungen aber punktgenau umzusetzen. So halte ich dann wenige Minuten später eine große Tüte mit Pommes in der Hand. Ja, das sind wirklich Pommes, kräftig, würzig, die daheim werde ich nicht mehr Pommes nennen, höchstens
Fritten, Fritten klingt passender, kleiner, minderwertiger.
Dann geht es auch endlich hinein ins Spirit of 66. Ich nehme auch direkt am Merchandising-Stand platz, ich kenne das ja
bereits. Die Kasse fehlt, kein Wechselgeld, jetzt möchte aber auch noch niemand kaufen. Der Mann von der augenscheinlichen Konkurrenz nebenan hat schon zwei CDs verkauft, für 20 Euro das Stück, nette Preise, denke ich. Die Trigon-CDs kosten nur 12 und Sal schreibt später ein Schild, damit das deutlicher wird.
Als Trigon die Bühne betreten haben sich in etwa 30, 40 zahlende Besucher eingefunden. Gleich fällt mir auf, wie druckvoll, präzise und trotzdem nicht zu laut der Klang im Spirit ist. Der Inhaber persönlich steht am Mischpult, der kennt seine Anlage natürlich und seine Räumlichkeiten. Dieser Auftritt von Trigon gefällt mir ohnehin sehr gut, von den drei von mir besuchten wird dies mein liebstes Trigon-Konzert werden. Schön auch, dass Udo wieder einmal dabei ist,
you always meet twice, gell? Ich hoffe nur, dass der Mitschnitt gut geworden ist, denn das hier gehört dringend veröffentlicht. La Maschera di Cera irritieren mich dann ein wenig. Offenbar haben sie sich vorgenommen, das angeheizte Publikum
noch rockiger zu bedienen, als bei Trigon geschehen, dabei sind ihre Kompositionen doch deutlich ruhiger, fragiler angelegt, wie ich feststelle. So bekomme ich schnell den Eindruck, dass der Schlagzeuger die Stücke zerhaut, der Flötist uninspiriert mit seinem Instrument kreischt. Die Rhythmusfraktion ist von Genesis adaptiert, bemerke ich, überhaupt klingt das sehr nach Neoprog, auch wenn sich der Keyboarder reichlich Mühe gibt, Retro zu klingen. Der Sänger singt aus voller Kehle, das gefällt, weniger seine Kostüme, die irgendwie so aussehen, als seien sie vom Grabbeltisch. Dieser Auftritt hinterlässt mich zwiespältig, schlecht war er dann aber doch nicht.
Zurück geht es über die beleuchtete Autobahn. Ein gerufener Mann vom ADAC bekundigt diverse Mängel an Jörns vierrädrigem Gefährt, eine Inspektion sei folglich angebracht, uns bleibt nur der beschwerliche Rückweg. Die Ampelbaggage in Köln meistern wir souverän, doch nach der Gummersbacher Ausfahrt streikt der kleine Corsa wieder. Als wir schließlich nur zwei Autominuten von meinem Zuhause entfernt zehn Minuten an einer Kreuzung verweilen, schlage ich Jörn und Tomasz vor, beide nach hause zu fahren, sobald wir bei mir sind. So geschieht es dann und um drei Uhr nachts liege ich im Bett, ein wenig erschöpft, der Tag war doch recht lang. Und so endet nun diese lange Geschichte von Pommes, Pannen und einem Progkonzert.
s. auch Pommes, Pannen, Progkonzert Von den drei Gigs der lustigen Karlsruher Truppe Trigon (31.10.2003 auf der Progparade 4 im Substage, Karlsruhe; 27.09.2005 im Underground, Köln) war der gestrige im legendÃ?ren belgischen Prog-Mekka The Spirit of 66
Tracked: Jun 05, 17:08
Das Spirit of 66 im belgischen Verviers hat jedenfalls seinen guten Ruf unter Freunden proggiger Live-Musik ganz zu recht: Der schnucklige, urig eingerichtete Club hat genau die richtige Größe und den richtigen Schnitt, um auch die bei Prog-Veranstaltunge
Tracked: Jun 06, 14:09
–Bilder einfügen– Mein erstes Trigon-Konzert (mit High Wheel) war am 05.02.2005 im Tempel in Karlsruhe. Stefan, Rainer, Timmy und Udo spielten dort u.a. “Raff an Dörte”. Das blieb hängen, setzte sich fest und manifestierte ...
Tracked: Jun 07, 10:49